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Fokus

  • Der Genderstern liefert Diskussionsstoff. Illustration: Ayanna Schlatter (wave, Luzern)

Ein Stern bewegt

Der Genderstern *. Er soll zur Gleichberechtigung der Geschlechter in der deutschen Sprache beitragen. So wollen es die Verfechterinnen und Verfechter. Das führt bisweilen zu hitzigen Diskussionen. «ROI Online» hat sich herumgehört und sich nach der Meinung und dem Vorgehen von Zentralschweizer Unternehmen, Verwaltungen, Medien und Hochschulen erkundigt. Der Tenor: Der Stern bewegt. Ein Herantasten ist angesagt. Es geht etwas, aber unterschiedlich schnell.

Die «Sonntagszeitung» schrieb unlängst vom «Krieg der Sterne». Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» verkündete den «Kulturkampf um die deutsche Sprache», in dem Behörden und Firmen, aber auch der Duden Fakten schaffen würden, obwohl es, so der «Spiegel» weiter, «für den Wandel keine Mehrheit gibt». Die NZZ wiederum machte ihre Meinung in einem Kommentar am Titel fest: «Liebe Sprachbenutzerinnen und Sprachbenutzer: Wie halten Sie es mit der Sexualisierung der Sprache von oben?», und bilanziert: «Es wäre an der Zeit, das generische Maskulinum neu zu entdecken: Es ist von schlichter Eleganz, weil es niemanden aus- , dafür aber alle einschliesst. Die Sprache gehört nicht höheren Genderbeauftragten oder Verwaltungsbeamten. Sie gehört allen, die sie tagtäglich mit Freude und Feingefühl benützen.».

Beim grössten Stellenvermittler, der Jörg Lienert AG, ist das Thema mehr als geläufig: «In dieser Frage berücksichtigen wir die Gender-Philosophie unserer Auftraggeber*innen beim Ausschreiben der Vakanzen. So finden sich auf unserem Portal verschiedene Varianten (*, w/m/d oder die männliche wie weibliche Form ausgeschrieben). Wir sind der Meinung, dass die innere Haltung und das tatsächliche Handeln bei der Gleichbehandlung von Kandidat*innen, die das gewünschte Profil erfüllen, entscheidend sind. Dabei geht es nicht nur um das Geschlecht – auch das Alter, die Hautfarbe usw. dürfen genauso wie das Geschlecht keine Ausschlusskriterien sein», betont Tobias Lienert, stellvertretender Geschäftsführer der Jörg Lienert AG. Gender spielt über Sprache hinaus eine wichtige Rolle, wie er erklärt. «Wir selber sind Vorbild für eine gelebte, wertschätzende Kultur, in der das Thema ‹gendergerecht› per se nicht die Hauptrolle in Wort und Sprache spielt, sondern in unserem eigenen, konkreten Handeln, in dem wir selber Arbeitsmodelle mit Teilzeitjobs und Jobs für Wieder- oder Quereinsteiger*innen ermöglichen.»

Unterschiedliche Handhabung

Die Verantwortlichen der Genossenschaft Migros Luzern sind darauf bedacht, bewusst Männer wie Frauen gezielt anzusprechen – und neu auch Menschen, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen. Dies wird mit «d» für «divers» in Stelleninseraten ausgedrückt (w/m/d). «Wir sind sensibilisiert und achten darauf, alle Menschen anzusprechen. Der Genderstern wird aktuell bei Migros nicht diskutiert», sagt Antonia Reinhard, Projektleiterin Unternehmenskommunikation.

Die Schwyzer Kantonalbank (SZKB) verwendet aktuell keine spezielle Gendersprache, sagt Peter Geisser, Leiter Kommunikation: «Bei Mailings für Promotionen verwendet die SZKB die bei ihr hinterlegte Anrede in den Adressdaten. In Werbeinseraten sprechen wir Damen und Herren an. Teilweise subsumieren wir die Damen in althergebrachter Weise unter der männlichen Form (‹Wenn Sie sich als Unternehmer die Frage stellen, ob …›; beide Geschlechter sind gemeint). Genderneutrale Begriffe verwendet die SZKB zum Beispiel bei den ‹Mitarbeitenden› oder ‹Abteilungsleitenden›.»

Sprache im Veränderungsprozess

Bei der «Luzerner Zeitung» und ihren Regionalausgaben ist die Gendersprache ein aktuelles Thema. Im Zeitungsverbund von CH Media, zu welchem die LZ gehört, haben die Chefredaktoren jüngst eine nach Geschlechtern und Regionen paritätisch zusammengesetzte Arbeitsgruppe eingesetzt, die nun Vorschläge für den Umgang mit den Geschlechtern in der Zeitungssprache erarbeitet. LZ-Chefredaktor Jérôme Martinu will diesem Prozess nicht vorgreifen und erklärt darum nur die grundsätzliche Linie: «Als Zeitung, ob gedruckt oder online, sind wir in erster Linie einer breiten Leserschaft verpflichtet und haben entsprechend sprachlich auch eine Art Übersetzungsfunktion. Das heisst, dass wir – anders als etwa Behörden-, Gesetzes- oder Hochschultexte – eine für alle gut verständliche, unkompliziert lesbare und ungekünstelte Sprache pflegen wollen.» Persönlich betrachtet er auch vor diesem Hintergrund eine gewisse sprachliche Ausgewogenheit der Geschlechter als richtig und wichtig. Den um sich greifenden Genderstern betrachtet er aber ebenso mit Skepsis wie etwa die Bestrebungen, kategorisch weibliche und männliche Form zu nennen oder alles «neutrumisieren» zu wollen. «Man darf sich ja durchaus auch fragen, warum in der linguistisch so wichtigen Literatur die Gendersprache kaum Verwendung findet. Klar ist aber auch: Die Sprache, der Sprachgebrauch ist einem stetigen Veränderungsprozess unterworfen», folgert Martinu.

Sensibilisierte Verwaltungen

Die kantonale Verwaltung Luzern verfährt nach einem Leitfaden, der einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch vorschreibt. Dies die Aussage von Andreas Töns, Leiter Kommunikation des Kantons Luzern. Die Formulierungen seien so zu wählen, dass niemand aufgrund des Geschlechts diskriminiert wird. In den Stelleninseraten werden wo möglich geschlechtsneutrale Berufsbezeichnungen gewählt oder sonst stets die männliche und die weibliche Berufsbezeichnung aufgeführt. Die Alternative zum Gendersternchen ist in der kantonalen Verwaltung also nicht das generische Maskulinum, sondern es sind Formulierungen, die alle Geschlechter einschliessen. «Bei Gender-Schreibweisen wie Sternchen, Schrägstrich und weiteren pflegt der Kanton eine pragmatische Haltung. Diese Schreibweisen werden von einzelnen Organisationseinheiten teils dort angewandt – und toleriert –, wo aufgrund des Aufgabengebiets oder der Zielgruppe eine besondere Gender-Sensibilität besteht. Eine Ergänzung des Sprachleitfadens, die diese pragmatische Handhabung konkretisiert, ist in Erarbeitung», erklärt Andreas Töns.

Die Urner Kantonsverwaltung verfasst Texte stets geschlechtsneutral. Es sind entweder beide Geschlechter zu nennen («Teilnehmerinnen und Teilnehmer») oder geschlechtsneutrale Bezeichnungen zu verwenden («Teilnehmende»). «Das Gendersternchen ist nicht in unseren Weisungen enthalten, und wir beabsichtigen auch nicht, dieses einzuführen», erklärt Adrian Zurfluh, stellvertretender Kanzleidirektor.

Sprache und Chancengleichheit

Für den Germanisten Andreas Vonmoos, Inhaber der Firma Terminus Textkorrektur, spielen praktische Aspekte eine Rolle. In seiner Arbeit stellen sich ihm beispielsweise Fragen bei Worttrennungen mit Gendersternchen oder beim typografischen Aspekt, dass eine Häufung von Sonderzeichen wie dem Stern störend wirkt beim Lesen. «Natürlich ist es richtig und wichtig, dass sich Mann und Frau angesprochen fühlen. Jedoch sollte die Sprache nicht zu stark verändert werden und ein gangbarer Weg gefunden werden», lässt er verlauten. Das generische Maskulinum und männliche wie weibliche Formen sind für ihn weiterhin gute Möglichkeiten.

Gendergerechte Sprache ist sowohl an der Universität Luzern als auch an der Hochschule und der Pädagogischen Hochschule Luzern ein wichtiges Thema. Seit 2004 gibt es einen Sprachleitfaden der drei Hochschulen. «Der Leitfaden wurde Mitte 2018 letztmals überarbeitet. Es wurde dem Bereich ‹Bilder› ein höherer Stellenwert eingeräumt; auch gibt es neu eine Doppelseite zur chancengleichen Kommunikation hinsichtlich Menschen, die sich weder als (ausschliesslich) weiblich noch (ausschliesslich) männlich identifizieren», erklärt Dave Schläpfer, stv. Leiter Universitätskommunikation.

Alle ansprechen

Bei allen Diskussionen darf nicht vergessen werden, dass es im Kern um Gleichberechtigung geht. Die Frage, inwiefern es mit Sprache möglich ist, alle Menschen anzusprechen, wird uns auch in Zukunft beschäftigen. Interessante Gedanken dazu hat Elke-Nicole Kappus, verantwortliche Leiterin der Stabsstelle Chancengerechtigkeit an der PH Luzern: «Es gibt Forschungen, die zeigen, dass viele Menschen an Männer denken, wenn wir von ‹Schauspielern› oder ‹Autoren› sprechen. Das ist nicht böse gemeint, und viele finden das nicht schlimm. Aber es begrenzt den Blick auf die Welt und führt dazu, dass bestimmte Gruppen – in diesem Fall zum Beispiel Frauen – nicht mitgedacht werden. Das ist im geringsten Fall schade oder – wenn es um Repräsentativität und Gleichberechtigung geht – auch schlimm. Die Diskussion um Gendersternchen oder diversitätsgerechte Sprache ist aus unserer Sicht zunächst eine Einladung, zu überlegen, welche Weltbilder sich in der Sprache widerspiegeln, welche gesellschaftlichen Gruppen darin berücksichtigt und welche Realitäten produziert werden. Es geht auch darum, der Frage nachzugehen, ob das der Welt entspricht, wie wir sie abbilden möchten. Und schliesslich geht es darum, Verantwortung für die eigene Sprache zu übernehmen.» (nj.)

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