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Bauen mit Mondholz – mehr als ein fauler Zauber

Holz, das bei einem bestimmten Mondstand geschlagen wird, nennt man Mondholz. Für viele sind Bäume, die an bestimmten Tagen und bei bestimmten Mondphasen geschlagen werden, etwas für Träumer. Nicht so für den Zimmermann Ruedi Hess von der Waser Holzbau AG in Oberrickenbach.

Mit einer ebenso stoischen Ruhe, wie er noch vor wenigen Minuten mit seinem speziellen Zirkel den Riss auf den grossen Baumstamm übertragen hat, führt der gelernte Zimmermann Ruedi Hess nun die viel schwerer in der Hand liegende Motorsäge mit höchster Konzentration dem feinen Bleistiftriss entlang. Ruedi Hess ist damit beschäftigt, ein Blockhaus abzubinden. Unter «Abbinden» verstehen Zimmerleute das massgerechte Anreissen, Bearbeiten, Zusammenpassen und Kennzeichnen von Schnitt- und Rundholz für Tragwerke, Bauteile und Einbauteile.

Inspiration in Kanada geholt

Ruedi Hess arbeitet bei der Waser Holzbau AG in Oberrickenbach als Zimmermann-Vorarbeiter. Die Leidenschaft des Zimmermanns sind Rundholzblockbauten. Die Liebe zu dieser uralten Bauweise erfasste ihn bei seinem ersten Kanada-Trip 1994. Hier entdeckte er die ersten Blockhäuser, deren Wände mit ganzen Baumstämmen aufgerichtet worden waren. Auf seiner zweiten Kanada-Reise drei Jahre später kaufte er sich einen Blockbauzirkel, wie ihn die Blockhausbauer in Kanada ebenfalls verwenden – das wohl nebst der Motorsäge wichtigste Werkzeug des Blockbauers. Der Zufall wollte es, dass kurz nach seiner Rückkehr in die Heimat das Berufszentrum Interlaken einen Blockbaukurs ausschrieb. «Für mich die beste Gelegenheit, mein bis dahin eher rudimentäres Wissen rund um den Blockbau zu erweitern.» Heute zählt Ruedi Hess zu den Rundholzblockbau-Spezialisten der Schweiz.

Bäume arbeiten weiter

Wer im Rundholzblockbau tätig ist, muss neben exaktem Arbeiten auch die Welt der Bäume verstehen und lieben. Denn Baum ist nicht gleich Baum. «Holz ist ein sehr lebendiger Stoff», weiss Ruedi Hess und ergänzt: «Auch nach dem Fällen lebt das Holz weiter. Es ‹arbeitet›, um in der Sprache der Holzfachleute zu sprechen.» So verarbeitet der in Oberdorf aufgewachsene Zimmermann beim Rundholzblockbau grundsätzlich kein linksdrehendes Holz, sondern nur geradelaufendes oder rechtsdrehendes Holz. «Ein rechtsdrehender Baum schraubt sich nach oben wie ein senkrecht in die Höhe gehaltener Korkenzieher. Linksdrehendes Holz arbeitet nach dem Fällen viel stärker als rechtsdrehendes oder geradelaufendes Holz», verrät Ruedi Hess, der beim Rundholzblockbau ausschliesslich mit Mondholz arbeitet. Er ist sich bewusst, dass viele das Fällen von Bäumen an bestimmten Tagen und zu bestimmten Mondstellungen belächeln oder schlicht und einfach als Träumerei abtun. Er lässt sie in ihrem Glauben und sagt dazu nur, dass es sich beim Mondholz im Grunde genommen um uraltes Wissen handle, «das früher jedem, der mit der Natur und mit dem Wald zu tun hatte, vertraut war».

Der richtige Zeitpunkt

Ob auch unsere Vorfahren von Mondholz gesprochen haben oder ganz einfach wussten, wann der ideale Zeitpunkt für die Ernte von Bauholz war, weiss Ruedi Hess nicht. «Dass sie aber gewusst haben, dass die an bestimmten Tagen und Mondphasen geschlagenen Bäume besondere Qualitäten hinsichtlich ihrer Stabilität, Feuerbeständigkeit, Härte und Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge aufweisen», davon ist Ruedi Hess überzeugt. Die Holzernte zum richtigen Zeitpunkt ist ein wichtiger Faktor. Die Bäume müssen im Winter, genauer gesagt um Weihnachten herum, bei abnehmendem Mond bzw. kurz vor Neumond geschlagen werden. Nach dem kürzesten Tag rät Ruedi Hess Holz nur noch bei abnehmendem Mond oder an ganz speziellen «Mondholztagen» zu fällen. Auch Anfang März wird häufig als günstiger Zeitpunkt genannt. Ein weiterer Faktor, um die hochstehende Mondholzqualität zu erhalten, ist für den Blockbauspezialisten die sorgfältige Auswahl der Bäume und deren korrekte Lagerung und Trocknung. Auch darüber, wie Mondholz geschlagen wird, gibt es altes Wissen, das vor allem in Österreich und Bayern nach wie vor von Generation zu Generation weitergegeben wird. «Bei den am richtigen Tag gefällten Stämmen sollten die Wipfel talwärts liegen und so einige Wochen ruhen können. Der noch im Stamm vorhandene Saft wird so in die Äste hinausgetrieben. Der Stamm trocknet merklich schneller ab.» Werden die Baumstämme dann im Frühjahr entrindet, empfiehlt Ruedi Hess die Lagerung der Baumstämme an der Frühlingssonne. «Diese gibt den Baumstämmen die goldbraune Farbe, die sie dann ein Leben lang behalten.» Es sei das Unsichtbare, welches den Wert eines Rundholzblockbaus ausmache.

Käfer ist nicht wählerisch

Ruedi Hess beschäftigt sich seit beinahe zehn Jahren intensiv mit dem Thema Mondholz und erweiterte sein Wissen mit der Lektüre von Literatur und eigenen Erfahrungen. Dass heute Mondholz für immer mehr Mitmenschen ein Thema ist, führt er auf das Bewusstsein der Menschen zurück, die wieder vermehrt die Gesetze der Natur beobachten und auch zu deuten wissen. «Hätte ich vor zehn Jahren öffentlich über Mondholz diskutiert, hätten viele gesagt, dass ich einen ‹Flick weghabe›. Doch in der Zwischenzeit wurde das Thema so etwas wie salonfähig», freut sich Ruedi Hess. Wissenschaftliche Abhandlungen über das Phänomen Mondholz gibt es erst vereinzelte. Dafür umso mehr Beispiele, die klar belegen, dass es mit dem Mondholz etwas auf sich hat. Ruedi Hess nennt das Beispiel eines Sägereibesitzers in Österreich, der gleichzeitig Förster ist. Dieser erteilte an einem bestimmten Tag den Auftrag zur Ernte eines grösseren Schlages. Ein anderer Sägereibesitzer, der kein Gewicht auf die Mondholz-Theorie seines Berufskollegen legte, liess einen Tag später aus dem gleichen Waldbestand ebenfalls Bäume ernten. Gelagert wurden die beiden Holzschläge auf einer Distanz von rund 80 Metern bis in den Frühsommer hinein. Während die Stämme, die nach dem Lostag geschlagen wurden, einen starken Käferbefall aufwiesen, waren die Mondholzstämme käferfrei. «Der Borkenkäfer ist bekanntlich nicht wählerisch. Dieses Beispiel zeigt mir aber ganz klar», hält Ruedi Hess fest, «dass Mondholz viel resistenter sowohl gegen Fäulnis als auch Insektenbefall ist.» Wird das Holz konstruktiv richtig verbaut und zum Beispiel mit genügend grossen Vordächern vor Nässe geschützt, kann gemäss den Erfahrungen von Ruedi Hess «viel Chemie und Holzschutzmittel gespart werden. Das Holz verkommt so nicht zu Sondermüll.»

www.waserholzbau.ch

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