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Mediendienst

Schweizer Wirtschaft droht Quarantäne

Mit der Entwicklung des Coronavirus zur globalen Pandemie verschlechtern sich die Rahmenbedingungen für die Schweizer Wirtschaft im Tagesrhythmus. Eine schwere Rezession ist nicht mehr zu vermeiden, BAK geht von einem Rückgang des Schweizer BIP in Höhe von -2.5 Prozent im Jahr 2020 aus (bisher: +1.3%).

Die Schutzmassnahmen zur Eindämmung des Virus führen im zweiten Quartal 2020 zu einer Vollbremsung. Die Geschäfts- und Grenzschliessungen sorgen vor allem bei den Dienstleistungsexporten und beim privaten Konsum für einen abrupten Einbruch. Dieser BIP-Prognose liegt bezüglich der weiteren Entwicklung der Pandemie die Annahme zugrunde, dass es dank der Schutzmassnahmen gelingt, das Virus bis zum Sommer einzudämmen. Damit würden sich das Konsum- und Produktionsniveau ab Sommer zunehmend normalisieren, wobei auch einige der aktuell aufgeschobenen Ausgaben nachgeholt werden könnten. Darauf aufbauend erwartet BAK für 2021 ein hohes Wachstum von 4.3 Prozent. Sollte die Eindämmung des Virus jedoch deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, würde sich der wirtschaftliche Schaden mit zunehmender Dauer potenzieren.

Die rasante Ausweitung des Coronavirus stellt sowohl die globale Wirtschaft als auch die Schweiz vor grosse Herausforderungen. Die vielerorts eingeführten Schutzmassnahmen (Einschränkung des Flugverkehrs, Schul-, Geschäfts- und Grenzschliessungen, Absage von Events, Ausgangsverbote etc.) werden die globalen Konsumausgaben im ersten Halbjahr erheblich bremsen. Die Unternehmen leiden auf der Nachfrageseite unter den wegbrechenden Aufträgen. Hinzu kommen angebotsseitige Probleme, da viele globale Lieferketten unterbrochen sind und zahlreiche Unternehmen ihre Produktion zum Schutz der Belegschaften anhalten. Als zusätzliche Belastung für den privaten Konsum und die Investitionen erweist sich die aussergewöhnlich hohe Unsicherheit.

Globale Rezession

BAK rechnet daher im ersten Halbjahr 2020 mit einer globalen Rezession. Im Unter- schied zur globalen Finanzkrise des Jahres 2009 stehen hierbei vor allem die privaten Konsumausgaben im Zentrum. Der wirtschaftliche Stillstand ist die Nebenwirkung der verabreichten Vorsorgemassnahmen, welche eine ungebremste Ausbreitung des Virus verhindern sollen. In der Folge leidet daneben auch der Industriesektor durch Produktionsunterbrüche und nachlassende Nachfrage. Unter der Voraussetzung, dass das Coronavirus erfolgreich eingedämmt werden kann und die Schutzmassnahmen im Verlauf des zweiten Quartals wieder weitgehend aufgehoben wer- den (siehe Kasten zum Corona-Szenario), dürfte die globale Konjunktur nach dem tiefen Fall wieder deutlich Fahrt aufnehmen. Eine weitere grundlegende Voraussetzung hierfür ist, dass die Massnahmen der Zentralbanken sowie die fiskalischen Rettungspakete dazu führen, dass eine globale Liquiditäts- und Finanzkrise verhindert werden kann.

V-förmige Rezession in der Schweiz

Auch die Schweizer Wirtschaft wird im ersten Halbjahr in die Rezession rutschen. Am stärksten fällt der Rückgang bei den Dienstleistungsexporten aufgrund des Einbruchs der Tourismusnachfrage und der Absagen sämtlicher Events aus. Hinzu kommt der Wegfall der Lizenzeinnahmen durch die Verschiebung der Fussball-EM sowie die unserer Ansicht nach sehr wahrscheinliche Verschiebung der Olympischen Spiele. Aber auch der Aussenhandel, die Ausrüstungsinvestitionen und der private Konsum werden aufgrund der Schutzmassnahmen und der Investitions- und Konsumzurückhaltung kräftig sinken. Ein Abschwung in dieser Breite stellt ein Novum für die Schweizer Wirtschaft dar. In fast allen früheren Krisenzeiten war der private Konsum stets eine Stütze der Konjunktur gewesen. Wir rechnen vor allem im zweiten Quartal mit einem rekordhohen Einbruch des Schweizer BIP von fast 6 Prozent gegenüber dem Vorquartal.

Die Rezession fällt somit im ersten Halbjahr aussergewöhnlich heftig aus. Es ist je- doch ein V-förmiger Rezessionsverlauf mit einer kräftigen Erholung in der zweiten Jahreshälfte zu erwarten, sobald das Virus eingedämmt ist und die derzeitigen Schutzmassnahmen wieder aufgehoben werden. Dies auch, da ein Teil der Konsum- und Investitionsvorhaben nachgeholt werden kann. Zur Erholung trägt ausserdem bei, dass mit dem zwar heftigen, aber zeitlich begrenzten Einbruch nur vergleichs- weise wenige Produktionskapazitäten nachhaltig verloren gehen, wie beispielsweise über Konkurse. Für zusätzliche Impulse sorgen die stark gesunkenen Ölpreise genauso wie die zur Konjunkturstützung zu erwartenden fiskalischen Massnahmen.

Dennoch können nicht alle Einbussen wieder aufgeholt werden: Auch Ende 2021 wird das BIP-Niveau in der Schweiz noch um rund ein Prozent tiefer liegen, als dies ohne die Corona-Pandemie möglich gewesen wäre.

Einbruch für die Dienstleister geht mit Auswirkungen am Arbeitsmarkt einher

Besonders stark davon betroffen sind auf Branchenebene Bereiche wie der Tourismus, persönliche Dienstleistungen, Flugverkehr sowie Sport- und Unterhaltungsdienstleistungen, welche direkt negativ von den derzeitigen Schutzmassnahmen tan- giert werden. Wertschöpfungseinbussen deutlich im zweistelligen Bereich sind im laufenden Jahr wahrscheinlich. Aber auch im Detailhandel sowie in typischerweise konjunktursensitiven Bereichen wie der Investitionsgüterindustrie oder der Uhrenbranche kommt es zu kräftigen Verlusten. Einzig die weniger konjunkturabhängigen Life Sciences-Branchen und der Gesundheitssektor werden der Krise trotzen und auch 2020 wachsen.

Die heftige Rezession wird auch auf den Schweizer Arbeitsmarkt durchschlagen. Wir gehen zwar davon aus, dass die angekündigten Massnahmen des Bundes (Kurzarbeit, verbürgte Bankkredite) eine grosse Pleitewelle verhindern werden. Alle Unternehmen werden die Krise jedoch nicht überleben und mancherorts wird auch ein Personalabbau unvermeidlich sein. Hinzu kommt, dass die gegenwärtige Krise in besonderem Masse personalintensive Dienstleister mit temporären Arbeitsverträgen trifft, beispielsweise im Gastgewerbe oder im Eventbereich. Wir rechnen deswegen damit, dass die Arbeitslosenquote kurzfristig um über einen Prozentpunkt in die Höhe schnellen wird (bis auf rund 3.5%). Im Zuge der V-förmigen konjunkturellen Erholung dürfte die Arbeitslosigkeit dann bis Ende 2021 wieder in Richtung 2.5 Prozent sinken.

Starke Erholung im Jahr 2021

Insgesamt prognostiziert BAK somit einen kräftigen Rückgang des Schweizer Bruttoinlandsprodukts von -2.5 Prozent im Jahr 2020. Die ab dem zweiten Halbjahr einsetzenden Aufholeffekte nach erfolgreicher Eindämmung des Virus werden dagegen 2021 zu einem dynamischen Wachstum von 4.3 Prozent führen. Hierzu tragen auch die Lizenzeinnahmen aus den in das nächste Jahr verschobenen olympischen Spielen und der Fussball Europameisterschaft bei (rund 0.3 % Pkt. zur erwarteten BIP Expansionsrate von 4.3%).

Wirtschaftsentwicklung hängt vom weiteren Verlauf der Corona-Pandemie ab

Die Prognosen sind derzeit mit aussergewöhnlich hohen Unsicherheiten verbunden. Für die hier vorgestellte Prognose wird unterstellt, dass die Ausbreitung des Virus in einem überschaubaren Zeitraum unter Kontrolle gebracht werden kann und sich die Lage im zweiten Halbjahr 2020 wieder normalisiert (vgl. dazu Textkasten). Sollte dies nicht gelingen, wird die Rezession noch wesentlicher schlimmer ausfallen. Dabei entstehen mit jeder zusätzlichen Woche, die die Restriktionen zum Social Distancing und zur Mobilitätsbeschränkung aufrecht erhalten werden müssen, weitere wirtschaftliche Verluste – aufbauend auf den Zahlen dieser Prognose kann abgeschätzt werden, dass pro Woche Lockdown am Ende ein direkter Verlust von rund 4 Mrd. CHF für die Schweizer Volkswirtschaft resultieren würde. Darüber hinaus steigt das Schadenspotenzial für die Volkswirtschaft mit zunehmender Dauer der Restriktionen jedoch noch überproportional an. Drei Hauptmechanismen führen dazu:

Die anhaltende Belastung immer mehr Unternehmen in die Insolvenz treiben würde. Dies würde das Produktionspotenzial für eine Erholung verringern und die Wirtschaftsentwicklung dauerhaft bremsen.

Die Prognose zeigt, dass im zweiten Halbjahr 2020 mit einer Reihe von Nachhol- und Aufholprozessen zu rechnen ist. Je länger die Krise anhält, desto weniger sind derartige Prozesse möglich.

Mit zunehmender Dauer der Krise werden die Investitionen immer stärker unter Druck geraten. Einerseits, da die Unternehmen ihre Liquidität sicherstellen müssen. Andererseits da die anhaltende Unsicherheit Investitionen weniger attraktiv erscheinen lässt. Werden die Investitionen einer Volkswirtschaft jedoch dauerhaft gedrückt, geht damit unweigerlich Wachstumspotential verloren, welches nach Beendigung der Krise fehlen wird.

Nicht zuletzt kann ein anhaltender Lockdown auch das gesamte volkswirtschaftliche System in Gefahr bringen. So könnte mit zunehmenden Zahlungsausfällen eine erneute Vertrauens-Krise des Finanzsystems drohen. Ein dauerhaftes Zerbrechen der globalen Wertschöpfungsketten hätte massive Folgen für eine kleine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz. Ein weiterer möglicher Krisenherd sind die Immobilien- märkte, welche ebenfalls unter Druck kommen könnten. Nicht nur die konjunkturellen, auch die systemischen Risiken der Corona Krise sind immens!

Das der BAK-Prognose zugrundeliegende Corona-Szenario:
Wir gehen für die Prognose (Stand heute, 23.03.2020) davon aus, dass die ergriffenen Massnahmen zum Social Distancing und die Mobilitätsbeschränkungen bis Anfang/Mitte Mai aufrechterhalten werden. Wir nehmen für die Prognose auch an, dass diese Massnahmen allmählich Wirkung zeigen und nicht nochmals wesentlich verschärft werden müssen. Insbesondere bleibt der Zugang zu Arbeitsplätzen weitgehend möglich. Daran schliesst sich eine Phase der schrittweisen Aufhebung der Restriktionen und eine Normalisierung des Wirtschaftslebens an, die bis in den Juli 2020 reichen dürfte. Zu Beginn des zweiten Halbjahres ist die Gesundheitskrise dann in der Schweiz und auch weltweit überwunden, zu einer späteren zweiten grossen Erkrankungswelle kommt es gemäss es diesem Szenario nicht.

www.bak-economics.com

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