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  • Firmen mit einem hohen Frauenanteil in den Führungsgremien erzielen um 50 Prozent höhere Gewinne als der Branchendurchschnitt. Bild: pd.

Frauen sind ein Gewinn

Obwohl auf dem Arbeitsmarkt längst omnipräsent, sind Frauen in Führungspositionen weiterhin untervertreten, auch in der Zentralschweiz. Unternehmen, die auf die weibliche Perspektive in Führungsgremien verzichten, verspielen entscheidende Erfolgschancen.

Firmen mit einem hohen Frauenanteil in den Führungsgremien erzielen um 50 Prozent höhere Gewinne als der Branchendurchschnitt. Mit diesem nüchternen Resultat einer auf Finanzanalysen basierenden Studie schreckte vor einigen Jahren das Beratungsunternehmen McKinsey die männlich geprägte Wirtschaftswelt auf. Wenig später schnitten in der sogenannten Eurofound-Studie, die nicht einfach bei den Zahlen ansetzte, sondern direkt die Führungskompetenzen untersuchte, die Frauen ebenfalls deutlich besser ab als ihre männlichen Kollegen. Die Chefinnen punkteten in der Beurteilung durch die Mitarbeitenden vor allem mit sozialen Kompetenzen wie Kommunikation, Empathie, Fairness, Offenheit und Stärke im Umgang mit Veränderungen und Vielfalt. Sie zeichneten sich damit besonders durch jene spezifischen Führungsqualitäten aus, die in agilen und flexiblen Organisationen und digitalisierten Arbeitsprozessen immer wichtiger werden.

Wo sind die Chefinnen?

Diese Erkenntnisse hätten eigentlich die Männerwelt wachrütteln müssen. Doch erstaunlicherweise bewegte sich in der Folge nur wenig. Zwar sind in der Schweiz laut Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) 79 Prozent der Frauen mittlerweile erwerbstätig. Zumindest in Bezug auf die Beschäftigungsquote dürften die Frauen bald einmal mit den Männern (84 Prozent) gleichbezogen haben. Allerdings ist, weil viele Frauen Teilzeit arbeiten, deren Beschäftigungsgrad im Durchschnitt noch deutlich geringer. Ganz anders sieht das Bild in Bezug auf die Gleichheit der Geschlechter auf Kaderstufe aus: Derweil 41 Prozent der Männer eine Führungsfunktion bekleiden, davon 10 Prozent auf oberster Stufe in der Geschäftsleitung, sind es bei den Frauen lediglich 25 Prozent, davon 5 Prozent in der Geschäftsleitung.

Noch krasser untervertreten sind die Frauen in den absoluten Top-Positionen. In lediglich acht der hundert grössten Firmen der Schweiz (nach Zahl der Mitarbeitenden) steht eine Frau als CEO an der Spitze. Das grösste Unternehmen der Zentralschweiz mit einer Frau als Vorsitzende der Geschäftsleitung ist die CSS. Chefin der schweizweit führenden Krankenversicherung ist seit 2016 die Rechtsanwältin Philomena Colatrella. Deren Wahl begründete seinerzeit der Verwaltungsrat mit ihrer umfangreichen Erfahrung, ihrer persönlichen Integrität sowie ihrer Fachkompetenz. «Die Geschlechterfrage war bei dem Entscheid nebensächlich», wurde betont.

Rahmenbedingungen für die Frauenkarriere

Dass es ausgerechnet bei der CSS eine Frau an die Spitze geschafft hat, ist kein Zufall. Das Unternehmen macht länger schon ernst mit der Frauenförderung. Es beschäftigt auf Kaderstufe bereits 35 Prozent Frauen. Möglich ist dies nicht zuletzt dank familienfreundlichen Rahmenbedingungen und Flexibilität beim Mutterschaftsurlaub. Die Mütter können dabei zwischen 16 Wochen zu 100 Prozent Lohn oder 20 Wochen zu 80 Prozent Lohn wählen. Der Vaterschaftsurlaub beträgt 15 Tage. «Wenn Kolleginnen in den Mutterschutz gehen, bzw. zurückkommen, besprechen wir mit ihnen ihre Wünsche und Bedürfnisse und setzen diese nach Möglichkeit auch um», sagt Colatrella.

Zudem können bei der CSS alle Mitarbeitenden nach Absprache mit ihren Vorgesetzten im Teilzeitpensum arbeiten. Selbst Führungspositionen werden teilweise im 60-Prozent-Pensum oder im Top-Sharing-Modell angeboten. Es sind wichtige Optionen, damit die Babypause für die weiblichen Talente nicht zum Karriereknick wird. «Frauenförderung fängt bereits bei den unteren Kaderstufen an, nicht erst bei der Geschäftsleitung oder im Verwaltungsrat“, lautet das Credo der CSS-Chefin. Das Unternehmen sei überzeugt vom Reichtum unterschiedlicher Perspektiven. «Ausserdem sollten unsere Mitarbeitenden nicht zuletzt auch die Vielfalt unserer Kunden widerspiegeln», so Colatrella. 

Dass die CSS mit ihrem Ansatz zur Frauenförderung auf dem richtigen Weg ist, bestätigt Rosmarie Lienert-Zihlmann, Mandatsleiterin und Verwaltungsrätin des Kadervermittlers Jörg Lienert AG. «Die Nachfrage seitens der Unternehmen nach qualifizierten Frauen ist zwar gross, doch es gibt ein strukturelles Problem: Viele Frauen arbeiten aus familiären Gründen in Positionen, die nicht ihren Möglichkeiten entsprechen.» Dieser Missstand liesse sich mit etwas mehr Flexibilität leicht beheben. Um auf dem Markt Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen, müssten vor allem mehr qualifizierte Teilzeitstellen auf Führungsebene geschaffen werden, sogenannte «Top-Sharing-Angebote für Männer wie Frauen», so Lienert-Zihlmann. 

Die Einflussreichste

Eine Männerbastion ist bis heute die strategische Führung geblieben. Lediglich drei Verwaltungsräte der fünfzig grössten Firmen der Schweiz werden derzeit von Frauen präsidiert: Die Swatch Group von Nayla Hayek, Logitech von Wendy Becker und der Versicherungskonzern Helvetia von Doris Russi Schurter. Die Luzerner Rechtsanwältin war bis vor kurzem auch VR-Präsidentin der Luzerner Kantonalbank und bekleidet weitere wichtige VR-Mandate. Russi Schurter ist damit unbestritten die einflussreichste Wirtschaftsfrau der Zentralschweiz. Sie gehört auf dieser obersten Stufe jedoch schweizweit zu den Ausnahmen. Um mehr Verwaltungsrätinnen zu rekrutieren, müsse noch viel Basisarbeit geleistet werden, glaubt sie. Zum Beispiel müssten Frauen bereits im unteren und mittleren Kader bewusster gefördert werden. „Das führt dann automatisch dazu, dass ein breiterer Pool an weiblichen Talenten für höhere und höchste Chargen zur Verfügung steht.“

Russi Schurter ist ebenfalls überzeugt, das neue und innovative Leadership-Modelle, zum Beispiel mit Führungsfunktionen in Teilzeitpensen, viel bewegen könnten. Zudem müssten die Unternehmen mit gezielten Vorkehrungen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser sicherstellen. „Denn zu viele gut ausgebildete Kaderfrauen scheitern im Laufe ihrer Laufbahn immer noch an der Herausforderung, ihre Karriere mit den familiären Aufgaben zu koordinieren“, so Russi Schurter. Tatsächlich werden die Frauen, die im mittleren Management vergleichsweise noch gut vertreten sind, in den eigentlichen Schlüsselpositionen plötzlich seltener. Es liegt hauptsächlich daran, dass dieser Karriereschritt zeitlich mit der Familiengründung korreliert und damit auch häufig kollidiert.

Nicht länger stichhaltig ist das leider immer noch allzu oft vorgebrachte Argument, es fehle der Schweiz schlicht an topausgebildeten Frauen. Mittlerweile schliessen nämlich mehr Frauen als Männer ein Hochschulstudium ab, und zwar mit im Schnitt besseren Abschlusszeugnissen. Wenn in der Folge auf die Führungsqualitäten dieser hochqualifizierten Frauen weiterhin verzichtet wird, kommt dies einer riesigen Verschleuderung an Know-how und Ressourcen gleich. Oder, wie es Russi Schurter formuliert: „Unser längerfristiges wirtschaftliches Wachstum ist ohne den vermehrten Einbezug der Frauen gar nicht möglich.“

Frauenförderung und Diversität

Wie steht es über die hier erwähnten Vorzeigebeispiele hinaus nun tatsächlich um den Frauenanteil in Führungspositionen speziell in den Zentralschweizer Kantonen? Leider liefert uns die Statistik dafür keine regionalen Zahlen. Beobachten lässt sich allerdings, dass die in der Region besonders gut vertretenen Familienunternehmen und KMU immer häufiger auch von Chefinnen geführt werden. Bestes Beispiel dafür ist Brigitte Breisacher, CEO der beiden Unternehmen Alpnach Norm-Schrankelemente AG und Alpnach Küchen AG. 1987 ins Geschäft eingestiegen, übernahm sie 2008 vom Vater die Firmen und beschäftigt heute 200 Mitarbeitende. 2020 wurde sie vom Wirtschaftsmagazin «Women in Business» zur «Women of the year» ausgezeichnet. Insgesamt dürfte der Frauenanteil in den wirtschaftlichen Führungsgremien in den sechs Kantonen aber kaum über dem Schweizer Durchschnitt liegen. Bis die Frauen mit den Männern in den Teppichetagen vollends gleichgezogen haben, könnten hier wie dort noch Jahrzehnte vergehen.

Die Verteidiger des Status quo argumentieren, die Wirtschaft benötige prinzipiell einfach gute Manager. Und was eine starke Führungskraft ausmache, hänge nur zu einem kleinen Ausmass vom Geschlecht ab. Sie verkennen damit, dass inzwischen nicht länger einzig von Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern viel breiter von Diversitätsförderung die Rede ist. Das grosse Leadership-Thema ist heute die gute Durchmischung der Führungsgremien in Bezug auf Geschlecht, Ethnie, Alter etc. Die Suva hat aus diesem Grund vor einem Jahr eine entsprechende interne Fachstelle für Diversity & Inclusion eingerichtet, unter anderem mit dem Ziel, Diversität im Rekrutierungsprozess und bei den Beförderungen stärker zu verankern. Dazu gehört, dass der Versicherungskonzern eine konkrete Nachfolgeplanung für Frauen in oberen Führungsstufen verfolgt. Edith Müller Loretz, die einzige Frau in der vierköpfigen Suva-Geschäftsleitung, erklärt: «Wir sind uns bewusst, dass moderne Anstellungsbedingungen zentral sind, um den Frauenanteil in der Führung zu erhöhen. Diversität funktioniert jedoch nur im Zusammenspiel zwischen Frauen und Männern; in diesem Sinn versuchen wir, die Bedingungen insgesamt familienfreundlicher zu gestalten». (ps/red.)

 

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